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Mein textiler Weg

Familientradition

Ich kann auf einen in Jahrzehnten aufgebauten Schatz an textiles Wissen zurückgreifen. Aufgewachsen in einer Schneiderfamilie lernte ich schon früh den Umgang mit Nadel, Faden, Fingerhut. Ebenso die Dos and Dont’s: Mutters Stoffschere war tabu für meine Bastelarbeiten. Beim Grossi (Oma) lernte ich stricken noch bevor ich in den Kindergarten kam. Sticken lernte ich in der ersten Klasse im Handarbeitsunterricht. Das damals genähte Gufechüssi (Nadelkissen) ist noch heute täglich in Gebrauch.

 

Meine Mode bin ich

Als Teenager nähte ich meine ersten Kleider selber, resp. ich nähte mir meine eigene Mode. Vorbilder waren meine Mutter, meine Schwester und meine Tante. Oft sassen wir zu viert vor der neuesten Burda-Ausgabe und planten die nächsten Näh-Projekte. Mit 16 kam der Ernst des Lebens, meine 4-jährige Ausbildung begann. Den Arbeitsweg im Zug nutzte ich entweder zum Lernen oder zum Stricken. So entstand auch meine erste Kunststrick-Tischdecke für meine Tante.

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Ich bin erwachsen, ich kann das

Dann gab es die Zeit des «ich bin erwachsen, mir steht die Welt offen». Eigener Haushalt, Arbeitsleben, viel Sport. Stricken, sticken und nähen nur noch sporadisch, anderes wurde wichtiger. Erst als es in die Richtung Gründung einer Familie ging, eine Einladung zum Offiziersball flatterte ins Haus, brach das Nähfieber unverhofft und heftig wieder aus. Ein Ballkleid musste her und endlich auch die eigene Nähmaschine. Später als Mama von zwei Kids, waren mir die drei K (Kinder, Küche, Katze) keine Herausforderung mehr. Obwohl ich viel für die gesamte Familie nähte, brach eine latente Unzufriedenheit aus. Und genau in diesen Momenten bekam ich ein Buch über Patchworkarbeiten und Quilts in Amerika.

 

Das erste Mal Kursleiterin

Meine Neugierde und mein Wissensdurst waren geweckt. Ich kaufte Bücher, Hefte, Stoffe, Rollschneider und Lineal. Dazu lernte ich die Geschichte, lernte die Techniken, lernte Farbenlehre nach Küppers und Johannes Itten. Nahm an Kursen bei namhaften Künstlerinnen wie Dorle Stern-Sträter, Nancy Crow etc. teil. Meine Arbeiten fanden grossen Anklang, ein Zeitungsinterview entstand, ich gab meine ersten Patchworkkurse. Es folgten Ausstellungen und Teilnahme an Wettbewerben. Gründung der Schwyzer Quilter, die leider nur einige Jahre aktiv waren. Heute staune ich, wie ich all diese Informationen ohne Internet, ohne Suchmaschinen, ohne KI zusammentragen konnte.

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Wie so oft, kommt bei all dem kreativen Wirken das Leben dazwischen. Scheidung, alleinerziehend, arbeiten, Weiterbildung, eidg. Prüfungen, Aufbau einer eigenen Existenz. Dass meine Nähmaschinen in dieser Zeit keine Standschäden bekamen, grenzt an ein kleines Wunder. Denn als ich Jahre später wieder mit dem Nähen anfing, ich besuchte den Jahreskurs «Professionelles Kleidernähen», funktionierten sie noch einwandfrei. Während zwei Semester lernte ich zusätzlich Schnitttechnik, also das Erstellen von eigenen Schnittmustern.

 

Geburt Swiss Needleworker

Zum Sticken kam ich wieder, weil ich für Weihnachten eine Deko auf Pinterest suchte. Da sprang mir ein Nikolaus in Kreuzstich ins Auge und erinnerte mich daran, dass ich bereits zu Beginn der 80er Jahre Mustertücher in Kreuzstich gestickt habe. Beruflich auf festen Boden angekommen, wuchs die Freude und die Energie, wieder kreativ aktiv zu sein. Damals wurde Swiss Needleworker geboren. Die alten Mustertücher haben es mir angetan. Wieder war mein Wissenshunger geweckt und ich verschlang alles, was es an Geschichten über die Mustertücher zu lesen gab. Meine Vorliebe mit Seidengarn auf Leinen zu sticken, nahm da ihren Anfang. Ein sehr lang gehegter Wunsch habe ich mir damals auch erfüllt: Weben lernen auf einem grossen Webstuhl.

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Auf der einsamen Insel lernt Frau einiges

Ein weiteres Kapitel in meinem Lebensbuch schrieb ich auf einer nordfriesischen Insel. Das grosse Haus am Meer und mit viel Platz für Kreativität. Ich strickte nach englischen Anleitungen und eine neue, riesige Welt des Strickens tat sich mir auf. Dank dem Internet wurden meine vielen Fragen beantwortet. Ich lernte das Stricken neu. Ein Feriengast reiste mit dem eigenen Spinnrad an. Sie lehrte mich alles über Wollverarbeitung, von der Rohwolle bis zum fertig gesponnenen Faden. Auf der Insel gab es genügend Schafe… Als Inselschneiderin durfte ich einige tolle Aufträge vom Entwurf bis zur Fertigstellung entgegennehmen. In dieser Zeit kam auch meine Border Collie Hündin Kiuma zu mir. Mit etwas Wehmut blicke ich auf diese Zeit zurück, denn wie bei einigen Menschen auch, schipperte mich die Pandemie zurück in die Heimat. Im Sommer 2025 musste ich leider meine Hündin über den Regenbogen begleiten. Sie fehlt.

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Meine Bestellung beim Universum war wie folgt: Wohnung hundetauglich (gerne mit kleinem Garten), Job als Buchhalterin (auch hundetauglich), einen Ort nahe am Wasser. Gestrandet bin ich in der Ostschweiz, mit Blick über den ganzen Bodensee. Geliefert wurden das volle Programm und ich bin heute noch jeden Tag dankbar, hier zu sein. In der Zwischenzeit bin ich pensioniert und ich kann meine Tage ausfüllen mit allem, was mein kreatives Herz und mein immer noch aktiver Wissenshunger begehren.

Meistens öffnet mir der Zufall eine Tür, in die ich neugierig eintrete. So waren es ein Paar Socken, welche mich definitiv in die Stricktradition der baltischen Staaten eintauchen liessen, obwohl schon einige Jahre das Buch «Handschuhe aus Lettland» in meinem Bücherregal schlummerte. Fasziniert verbrachte ich Stunden am PC, dank KI übersetzte mir Google die baltischen Sprachen ins Deutsche. Tief beindruckt war ich, als ich las, dass genau diese alte Kultur des Strickens an der Uni in Tallinn ein Studiengang ist. Oha, da ist die Wertschätzung der Handarbeit noch ganz anders. Aber verständlich, wenn man den geschichtlichen Hintergrund dieser Länder in Betracht zieht. Durch das aktive Erhalten der textilen Traditionen konnten sie trotz Fremdherrschaften ihre Identität bewahren.

Kursleiterin – ich gebe mein Wissen weiter

Und nun wollte ich dieses neu erworbene Wissen gerne weitergeben. Ideen schlummerten in meinem Kopf bis der Newsletter vom Swiss Yarnfestival kam. Man konnte sich als Kursleiterin melden. Gelesen und getan, mein erster Kurs «Stricken wie im Baltikum» entstand mit einem 16-seitigen Büchlein dazu.

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Der Beginn von etwas grösserem? Visionen sind da.  Die Zeit wird es zeigen. Meine Kursleitertätigkeit hat sich bereits erweitert, monatlich gebe ich Kurse bei Zürcher Stalder in Lyssach und beim neuen KnitFest in Zürich. – Meinem Geist muss sich auch mal Ruhe gönnen, mit dem Verspinnen von Wollfasern zu einem ansprechenden Garn meistere ich dieses Vorhaben sehr gut. Spinnen ist Meditation für mich.

Diese «über mich» Seite zu schreiben, ist wie ein komprimierter Rückblick meines kreativen Schaffens. Das Thema Textil begleitet mich wie ein roter Faden auf meinem Lebensweg. Die Konstante in meinem Leben, die Halt gibt, die Vertrauen gibt, die Menschen verbindet. Vieles habe ich ausprobiert, als 14-jährige bei Seniorinnen die Occhi-Spitze gelernt, Filet-Vorhänge gehäkelt, Klöppeln wollte ich auch lernen, nach 3 Kursabenden gab ich Forfait. Damals war das riesige Klöppelkissen zu stationär für mich und überhaupt. Aber immer war eine «Lismete» (Strickarbeit) griffbereit.

Hier will ich mein Wissen mit dir teilen, über meinen Alltag berichten. Ich werde von neuen Projekten erzählen, von Kursen und von Strickferien. Ich werde über Bücher aus meiner (Fach-)Bibliothek schreiben und was sonst noch mein textiles Herz bewegt. In diesem Sinne, lass dich überraschen – und: es gibt für alles eine Zeit.

Herzlichst, deine Lotti aka Swiss Needleworker